Marktkommentar – EUR/USD

Marktkommentar – EUR/USD – Eurocrash voraus?

Droht ein neuer Eurocrash oder gar ein Währungskrieg mit anschließendem Aktiencrash? Wie sieht es aus mit der Finanzstabilität der Kreditinstitute und der Staatsverschuldung in Europa? Ist eine Wiederholung des Black Thursday von 1929 möglich?

Es spricht viel für eine zukünftige Abwertung des Euro im Vergleich zum USD:

  • Die Staatsverschuldung der südeuropäischen Länder voran Griechenland und Italien,
  • der Zollstreit zwischen China und den USA und eine damit möglicherweise verbundene Yuan Abwertung,
  • der Brexit der weniger Einnahmen generiert,
  • die zusätzlichen Mrd für die Bewältigung der Flüchtlingskrise in Europa sowie deren politische Auswirkungen,
  • schwächere Konjunkturaussichten und eine nach wie vor schwache traditionelle Finanzbranche, die unter den Niedrigzinsen der EZB, einer stärkeren Regulierung und der Fintech Konkurrenz leidet.

2015 war es schon einmal fast so weit als die Schweizer Notenbank (SNB) rund um Jordan die Mindestgrenze von 1,20 EUR/CHF aufhob und der EUR/USD danach um 13% einstürzte und dann bei knapp über 1,04 wieder den Turnaround schaffte, weil die SNB doch wieder stützend in den Markt eingriff, um die Aufwertung des Schweizer Franken zu stoppen und negative Auswirkungen auf die Schweizer Exportwirtschaft abzuwenden. Seitdem hat die SNB über 300 Mrd für Stützungskäufe ausgegeben und die Notenbankbilanz massiv aufgebläht, was der Bundesrat Maurer jüngst massiv kritisierte und einen Abbau der Bilanz forderte. Ein neuer Stellvertreter für Jordan ist bereits gefunden.

Folgende Themen bestimmen derzeit den Devisenmark:

  • US Zölle:
    • USA: Seit März/Mai (alle Länder) 2018 Strafzölle i.H.v. 25% auf Aluminium und Stahl Importe
      • Europa: Vergeltungszölle seit 01.Juli 2018 im Gegenwert von 2,8 Mrd Euro auf US-ProdukteWhiskey, Erdnussbutter, Jeans und Motorräder.
      • Kanada: Vergeltungszölle seit 01.Juli 2018 i.H.v. 16,5 Mrd
    • USA: Am 06.07.2018 treten US Sonderzölle auf chinesische Importe i.H.v. 34 Mrd Dollar in Kraft
      • Zeitgleich wird China 500 US-Produkte im Gegenwert von 34 Mrd erlassen
    • Neben den bereits geltenden Zöllen auf Aluminum und Stahl droht Trump mit Einfuhrzöllen auf Autos und Autoteile i.H.v. 20%.
  • Flüchtlingskrise
    • Deutschland: Am 05.September 2015 Beschloss Angela Merkel die unregistrierten Flüchtlinge aus dem Budapester Bahnhof aufzunehmen. Mittlerweile über 2 Mio Ausländer in Hartz IV. Auf politischer Ebene wird über den zukünftigen Kurs in der Flüchtlingspolitik derzeit stark diskutiert.
      • Grundlage: Das Dublin-Abkommen besagt, dass Flüchtlinge in dem Land sein Asylverfahren durchlaufen muss, das er innerhalb der EU als erstes betreten hat.
      • Schengen: Offene Grenzen und das Prinzip der Freizügigkeit innerhalb der EU.
  • Staatsverschuldung und Target2 Saldo
    • Die Target2-Forderungen der Deutschen Bundesbank (Buba) gegen das Eurosystem sind bedrohlich stark angestiegen und lagen im Mai 2018 bei 956,2 Mrd. Als Grund dafür wird zum einen das Anleihekaufprogramm der EZB aufgeführt und zum anderen eine Kapitalflucht aus Südeuropa. Zerfällt die Währungsunion oder tritt ein betroffenes Land aus, müssten die Salden zurückgezahlt werden, wenn diese Länder dann noch zahlungsfähig sind. Denn Sicherheiten bekommt die Buba nicht. Es handelt sich also einfach ausgedrückt um unbesicherte Dispo Kredite. Das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland lag 2017 bei 3263 Mrd EUR.
      • Target2 Forderungen der Buba Mai 2018:
        • gegen Italien 426,1 Mrd
        • gegen Spanien 389,3 Mrd
        • gegen Frankreich 103,4 Mrd
        • gegen Griechenland 45,9 Mrd
        • gegen EZB 245,1 Mrd
      • Target: ist das elektronische System, mit dem die Zentralbanken aus dem Eurosystem wie die EZB und die Deutsche Bundesbank, die Abwicklung grenzüberschreitender Zahlungen vornehmen (Trans-European Automated Real-Time Gross Settlement Express Transfer System)
      • T2 Saldo: Misst den kumulierten Nettozufluss von Zentralbankgeld aus anderen Euroländern an Banken, die ein Bundesbankkonto halten.
  • Brexit
    • Am 29.03.2019 wird Großbrittanien die EU verlassen. Die Einnahmen, die der EU dadurch verloren gehen, müssen von den anderen Mitgliedern aufgefangen werden.
  • Finanzstabilität der Kreditinstitute
    • Seit 2008 wurde jede fünfte Filiale geschlossen und in der EU 2016 rund 50.000 Arbeitsplätze abgebaut laut FAZ. Die traditionellen Banken könnten in den nächsten Jahren also bis zu 2/3 Ihrer Arbeitsplätze verlieren.
    • Seit der Finanzkrise 2007 hat die Europäische Kommission versucht die Banken mehr zu regulieren und somit die Risiken im Finanzsystem zu reduzieren. Die steigenden regulatorischen Kosten für u.a. Basel III, MiFID II, MIFIR, EMIR, SFTR, MaRisk, die Negativzinsen der EZB und die steigende Digitalisierung machten es den Banken jedoch schwer wieder zu alter Stärke zurückzufinden. Die Deutsche Bank ist jüngst im Stresstest der USA durchgefallen und kämpft wie auch die Commerzbank und die HypoVereinsbank mit Restrukturierungen, Modernisierung der IT Landschaft und Kosten für Stellenabbauprogramme. Die Eigenkapitalquoten liegen gerade so im vom Regulator geforderten Bereich. Die Erträge sind vergleichsweise klein. Immer wieder keimen am Markt Übernahmegerüchte durch ausländische Investoren auf. Die Kooperation mit aufstrebenden Fintechs, Blockchain-Anbieteren und der Aufbau eigener Direktbanken steht ganz oben auf der Wunschliste. Auch die Aktionäre dürften bei der schrumpfenden Marktkapitalisierung immer weniger begeistert sein und Druck machen. Menschen werden durch Maschinen ersetzt und die Bankkunden gehen zu den Anbietern wo Sie laut Vergleichsportalen die besten Angebote bekommen. In Zukunft werden also weniger Mitarbeiter mehr Geld verdienen müssen, während die einfache Abwicklung und teilweise auch die Anlageberatung von IT Systemen übernommen wird. Dafür ist jedoch erst einmal eine modernere IT Landschaft notwendig. Zumindest im Bereich IT dürften also weiterhin Stellen geschaffen werden.
  • Zinsschere
    • Während in den USA die Zinsen weiter steigen (aktuell 1,5-1,75) und für 2018 mit 4 Zinserhöhungen durch die FED gerechnet wird, stagnieren die Zinsen in der EU bei 0% auf historisch niedrigen Niveau. An der Niedrigzinspolitik der EZB soll sich bis Herbst 2019 auch erstmal nichts ändern, obwohl die Inflation jüngst wieder angezogen ist und die Zielmarke von 2% so langsam erreicht. Allerdings ist dieser Anstieg vor allem auf den wieder anziehenden Ölpreis zurückzuführen.
    • Gründe für ein weiteres Auseinanderklaffen der Zinspolitik von USA und EU:
      • US: Höhere Investitionen in die Infrastruktur und die Entlastung der amerikanischen Steuerzahler um 1,5 Bio durch eine Steuerreform dürfte das Wirtschaftswachstum in den USA weiter ankurbeln. Die Zölle sollen die Auslastung in der amerikanischen Industrie erhöhen. Die striktere Einwanderungspolitik Eliten und Unternehmer nach Amerika locken. Die Arbeitslosigkeit ist bereits auf einem historischen niedrigen Niveau.
      • EU: Die Staatsverschuldung der südeuropäischen Länder erhöht sich weiterhin, die Industrieproduktion geht zurück. Die Wirtschaftsinstitute haben Ihre Prognosen für das Wirtschaftswachstum für 2018 gesenkt. Die Konjunkturdaten zeigen nur ein sehr schwaches Wachstum. Griechenland wurde gerade erst vom Tropf gelassen und Italien wird bei über 160% Staatsverschuldung zum BIP inkl. T2 Saldo gerade in die Notaufnahme aufgenommen. Durch die 0 Zinspolitik der EZB können sich die südeuropäischen Länder weiterhin günstig Geld besorgen, was ggf. Strukturreformen verzögert. Im Euro herrscht ein Nord-Südgefälle. Touristisch geprägte Länder wie Italien, Griechenland, Spanien, Frankreich haben keine Möglichkeit mehr Ihre Währungen abzuwerten. Dafür ist jetzt die EZB zuständig. Ein fallender Euro würde allerdings eher einer exportstarken Nation wie Deutschland helfen, deren Exportüberschuss bereits mehrfach von den Amerikanern kritisiert wurde. Die EU kämpft mit Wirtschaftsmigration aus Osteuropäischen Ländern. Hier gibt es ein Ost/West-Gefälle. Während in Bulgarien eine Handwerkerstunde 4,9 EUR kostet, kostet Sie in Deutschland 39 EUR. Konsequenz ist, dass immer mehr Dienstleister aus Niedriglohnländern Ihre Dienstleistungen günstiger in Hochlohnländern wie z.B. Deutschland anbieten. Schengen machts möglich. Vielleicht ist die steigende Konkurrenz auch ein Grund für die hohe Insolvenzrate im deutschen Mittelstand (66%). Unterschiedliche Steuersätze und unterschiedliche Arbeitskosten innerhalb der EU werden weiterhin für Ungleichgewicht. Die politischen Tendenzen sind in Italien bereits ablesbar.

 

Aufgrund der o.g. fundamentalen Risiken ist ein Abrutschen des EUR/USD auf 1,12-1,05 in den kommenden Wochen nicht auszuschließen.

Auch aus technischer Sicht sieht der Trend negativ aus. Es bildet sich im EUR/USD derzeit eine SKS Formation aus. Ob diese nun bis EUR/USD 1,20 vollendet wird oder bereits vorher den Rückzug Antritt, werden die kommenden Tage zeigen. Ausschlaggebend könnte eine Verschärfung des Handelsstreits sein oder weitere Krisensignale aus Südeuropa. Auch politische Unsicherheiten durch z.B. ein zerbrechen der Koalition in Deutschland ist nach wie vor nicht auszuschließen.

Wenn China im Zollstreit mit den USA auf eine Abwertung des YUAN setzt, dann wird die SNB nicht dagegen ankommen mit Ihren Euro Stützungskäufen. Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass die SNB nochmal 1-3 Bio Devisen aufkauft, nur um den CHF gegenüber dem Euro schwach zu halten. Es ist immer Geld, das Sie sich von den Geschäftsbanken pumpen. Mal davon ab. Was hätten Sie davon, wenn Italien unter der Last des starken Euros zusammenbricht? Je länger die SNB mit der Abbau Ihrer Bilanz wartet, desto wahrscheinlicher wird, dass es wieder zu einem Schock wie 2015 kommen könnte, wenn die Last eines abwertenden Yuan die SNB zum Umdenken zwingt. Mehr Exporte mit der EU gibt es im Falle einer Italien Pleite wohl nicht. Da die Europartner einen Ausstieg Griechenlands aus dem Euro und eine Rückkehr zur Drachme bereits abgelehnt hatten, werden Sie es bei Italien wohl kaum befürworten. Es scheint auch unwahrscheinlich, dass die SNB entgegen der jüngsten Kritik des Bundesrates die SNB Bilanz weiter aufblähen wird. Man stelle sich einmal vor, was passiert, wenn die SNB weiterhin im Umfang von Mrd Euros kauft und der CHF/EUR trotzdem sinkt. Das wäre ein Mrd Verlust für die SNB. Welcher Finanzminister schreit da juhu. Die Kommunen wären wenig begeistert, wenn plötzlich kein Geld mehr fliest.

Was als Lösung bleibt ist also nur ein kurzfristiges Doping durch einen fallen Euro. Eine Alternative wäre eine Weltwirtschaftskrise ausgelöst durch Europa. Auch das Platzen der Immobilienblasen in Europa und der Schweiz ginge bei einem zu starken Euro und einer Pleite Italiens sehr sehr schnell.

Doch selbst wenn der Euro fällt, bleibt der Euro ein fehlerhaftes Konstrukt. Die südeuropäischen Länder sind touristisch geprägt und konnten vor dem Euro Ihre Landeswährungen abwerten, wenn die Staatsverschuldung zu hoch wurde. Lira und Drachme waren schwache Währungen, abhängig vom Tourismus während die D-Mark eine starke Währung war, die stark exportabhängig war. Nun finden sich diese uneinheitlichen Länder in einem Euro wieder. Die Südeuropäer betteln um einen schwachen Euro, den Sie bislang wegen der SNB nicht bekommen haben. Nutzt China die YUAN Abwertung als Druckmittel im Zollstreit mit den USD muss sich selbst die SNB geschlagen geben. Hält sie dagegen droht eine Pleite Italiens und eine Wirtschaftskrise in Europa, die Ausmaße wie 1929 annehmen könnte. Der CHF wird dann erst Recht ansteigen, da er in Krisenzeiten bislang als Fluchtwährung gedient hat.

Was noch bleibt ist zu sagen, dass eine zu starke Yuan Abwertung mit Sicherheit zu einem Aktiencrash führt. Ist der Yuan also erst einmal am Boden angelangt und das Feuer verschossen gegen die US Zölle, droht der nächste Aktiencrash. Auch ein zu starker Euro führt dazu, dass die Aktienmärkte fallen, da die Exportwirtschaft (voran Deutschland) darunter leidet.

Jeder Währungskrise folgt ein Aktiencrash.

 

Autor: Annika Sill

Marktkommentar stellt keine Anlageberatung dar, sondern ist lediglich die persönliche Einschätzung der Autorin aufgrund der Nachrichtenlage.

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